Carlos - ein Straßenhund

Wenn Sie ein wenig Zeit haben, dann würden wir uns freuen, wenn Sie Carlos Geschichte lesen würden. Sie steht oder stand am Anfang unseres Kontakt mit Hunden aus dem Ausland.

Heute würden wir Carlos in der Sorge, er würde verschwinden, abhauen, sich oder andere verletzen, nicht ungesichert laufen lassen. Doch wir waren unerfahren und hatten alles Glück der Welt.

 

TRONCO alias CARLOS

Alles begann während eines Urlaubes mit einem gemieteten Reisemobil im Norden Portugals…

Während eines Besuches des Ortes Ponte de Lima im Juni 2001 wurde Ulli auf zwei verwahrloste Hunde am Uferparkplatz aufmerksam. Diese bekamen nach unserer Rückkehr vom Mittagessen natürlich auch etwas ab (Ulli hatte Hühnchen bestellt - obwohl sie das eigentlich gar nicht mag - gewundert hatte mich das schon. Auf dem Rückweg wurde mir dann klar warum. Sie hatte den größten Teil heimlich in einer Serviette gesammelt). Tronco konnte davon aber wegen seines schlechten Zustandes nichts fressen, gut fand er die Aktion trotzdem. Nachdem diese Beziehung hergestellt war, diskutierten wir, wie wir die beiden Fellnasen bei uns zuhause aufnehmen könnten. Tronco hieß zu dieser Zeit natürlich noch nicht Tronco - wir schauten auf einer Landkarte nach möglichen namensgebenden Orten (der Fundort Ponte de Lima war ungeeignet) und entdeckten in der Nähe das Dörfchen "Tronco". Als wir im Wörterbuch lasen, dass TRONCO übersetzt Stamm bedeutet, stand der Name fest. Genau, ein Hund wie ein Stamm, das sollte aus diesem abgemagerten und kranken Rüden wieder werden.

Was ich nicht wusste: Ulli hatte bereits mit dem Tierheim in Wilhelmshaven telefoniert und sichergestellt, dass beide Hunde für den Fall, dass sie sich mit unserer Hündin Sunny nicht verstehen würden, im Tierheim unterkommen könnten.

Am nächsten Tag trafen wir nach längerer Suche nur noch auf den schwarzbraunen Rüden, dem ein Drittel seines Fells fehlte, der übersät von Eiterpusteln war und dessen Beckenknochen blank - ohne Fell - hervorstanden. In diesem erbärmlichen Zustand fanden wir ihn unter einem parkenden Auto liegend. Als Ulli Tronco anheben wollte, um ihn ins Auto zu heben, fletschte er die Zähne. Also mussten wir uns etwas einfallen lassen: Jörg ging los und suchte in einem Krämerladen nach etwas, womit wir den Hund festhalten konnten. Er kam mit einem Lederhalsband und einer kleinen Hundeleine zurück. Das mit dem Halsband konnte man vergessen - da war alles wund. Die Schlaufe der runden Hundeleine ließ sich Tronco schließlich über den Kopf ziehen. Jetzt öffneten wir die Schiebetür unseres Reisemobils und dieser Hund kletterte wirklich mit letzter Kraft in seine Arche Noah (das alles dauerte sicherlich mehr als eine Stunde). Danach fuhren wir zu einem Tierarzt den wir vorher telefonisch kontaktiert hatten. Einen halben Tag später, nach intensiven Untersuchungen und Behandlungen bei einer sehr netten (…und sehr hübschen; Anm. Jörg) Tierärztin, bekamen wir den Ratero-Mix zurück. Wir hatten nicht erwartet, dass man ihn uns lebend übergeben würde, aber da haben wir uns getäuscht. Nun wurden wir gefragt, was wir denn mit diesem hochfiebernden, blutarmen Wesen anfangen wollten. Kurz wurde das portugiesische Tierheim angesprochen. Doch da war uns allen klar, dass Tronco dort nicht einen Tag überleben würde. Nachdem sich Ulli zusammen mit der Tierärztin die Laborwerte angeschaut hatte, und beide dort noch Chancen sahen, und die Tierärztin wiederum die Tränen in Ullis Augen sah, meinte sie : Give him a chance!! Das gab den Ausschlag: Tronco wurde zurück ins Auto getragen, mit seinen Bewohnern (Haarlingen, den übrig gebliebenen Zecken und sonst noch kreuchendes), wir ausgestattet mit Antibiotika (oral und zum injizieren) und Spezialfutter--- den Rest gab unsere Campingapotheke her.

Die erste Nacht: am nächsten Morgen waren wir uns nicht sicher, ob Tronco die Nacht überstanden hatte… Er hatte die Nacht draußen verbracht. Und er lebte noch und verteidigte sein Erbrochenes. Nicht sehr lecker, aber wir freuten uns über diese Regung sehr. Laufen war noch nicht drin. Na ja- vielleicht 2 m in 10 min. Stakselig und schmerzhaft.

Die nächsten Tage verbrachten wir jetzt hauptsächlich damit, diesen Hund zu päppeln, zu behandeln und ihm möglichst viel Ruhe zu gewähren. Bereits am fünften Tag holte der immer noch sehr schwache TRONCO seinen Retter von der Männer-Dusche auf dem Campingplatz ab - ein rührendes Bild: ca. 50 m Gehstrecke. Wie es sich jedoch für einen Straßenhund gehört machte er sich trotz seines Zustandes irgendwann auf die Socken (lahme Socken und verließ den Campingplatz Richtung Küste… Gottseidank bemerkten wir es rechtzeitig und konnten den Streuner nach wenigen hundert Metern wieder zurück in sein recreation center geleiten. Er kam freiwillig und doch irgendwie überrascht mit, als ob er sich wunderte, dass jemand wert auf seine Anwesenheit legte.

Eines Abends besuchte TRONCO uns in der Bar des Campingplatzes, weil ein Volksfest in den nahe gelegenen Bergen mit einem lauten (und gefährlichen) Feuerwerk endete – wir sollten ihn wohl erneut retten…(schon ca. 200 m Gehstrecke). Einheimische die vorne im Bereich der Bar saßen, sagten plötzlich: „Es Tronco“ - und alle waren auf eine besondere Weise gerührt, dass Tronco bei uns Schutz suchte. Auf dem Campingplatz kannten ihn schon beinahe alle. Viele erzählten Geschichten von verlassenen Hunden in Portugal und Tronco und wir fanden Verständnis und Unterstützung von eigentlich allen dort.

Auf der langen Rückfahrt nach Deutschland war TRONCO anfangs nicht zu bewegen, in seinem selbstgebastelten Karton-Körbchen zu bleiben, sondern musste bei 40° Celsius in ihm (Fieber und Außentemperatur ) Hunderte von Kilometern auf Ullis Schoß sitzen – während immer noch Reste aller bekannten Arten von Lästlingen von ihm herunter sprangen. Während einer Rast auf einem französischen Autobahnparkplatz zog unser Patient uns plötzlich an der Leine hinter einem Karnickel her – jetzt wussten wir, dass er über den Berg war.

Zuhause bei unserer Schäfi-Mix Hündin Sunny angekommen - er verstand sich wunderbarerweise von Anfang an mit ihr - konnten wir in den folgenden Wochen bis Monaten beobachten, dass auch so ein Straßenstreuner sich in ein Leben in einem Haus eingewöhnen kann. Zunächst haben wir die Haustür , wenn wir zu Hause waren, aufgelassen und Tronco lag dann eben auch schon mal bei den Gegenübernachbarn auf der Treppe. Mit der Zeit, und mit besserer Kondition seinerseits, mussten wir Tronco auch schon mal mit dem Fahrrad entgegenfahren. Denn hinterherfahren hatte keinen Zweck, da wollte er nur weg… Aber wenn man ihm auf seinem Gang entgegenkam, und ihm freudig zeigte, "Mensch Tronco da bist Du ja, warst unterwegs?" dann freute er sich riesig und kam gerne wieder mit nach Hause. Generell ist er immer wieder nach seinen Alleingängen zu uns zurückgekehrt. Wir mussten nur Geduld haben und uns nicht zu viele Sorgen machen, denn Tronco fand Autos nicht sonderlich imposant. Klar - er kam ja vom Parkplatz - nur dort fahren Autos ja meist deutlich langsamer als auf unseren Straßen.

Auf Überraschungen – egal welcher Art – musste man gefasst sein…

Unser Tronco konnte Nutella-Gläser aufschrauben, Schubladen öffnen (in denen sich Nutella-Gläser befanden), den Kühlschrank öffnen um z.B. eine 10er-Packung Eier oder 500g LÄTTA zu fressen, eine Großpackung Nudeln oder Kakaopulver aus dem Schrank holen und in der Küche auf dem Teppich verstreuen, zur Vorweihnachtszeit wurde ein Beutel Walnüsse geknackt und im Haus verteilt. Sunny half immer gerne, Initiator war der kleine. Sich dafür zu schämen, das tat nur unsere Schäferhündin. Tronco war stolz auf seinen Taten.

Lustig war an Jörgs Geburtstag nach dem Diebstahl und anschließenden Verzehr von alkoholgefüllten Herren-Pralinen der Sprung auf den Esszimmertisch mit anschließender Tanzdarbietung. …auch ein Hund kann einen Kater haben … er kam zur Erholung kaum mehr auf sein Sofa. Ja auch Streuner mögen es warm und weich. Sie finden aber auch nichts dabei, den Müll zu durchwühlen und gelbe Säcke nach Jahren bei uns aufzureißen oder ein Bad im Morast zu nehmen.

Tronco war unerschrocken in allen Situationen seines Lebens. Er konnte gute alleinbleiben, cool Auto- oder sogar Cabriofahren, war souverän beim Tierarzt (bis auf das Krallenschneiden).

Nicht alle seiner männlichen Artgenossen waren seine Freunde, doch egal wie groß oder wie wichtig oder dominant in ihrem Auftreten, Tronco zweifelte nie an seiner Kraft, legte es immer darauf an, in der Konfrontation oder Gegenübertretung herauszufinden, wer denn nun die erste Geige spielt. Das ist immer gut ausgegangen, auch wenn wir manches Mal den Atem anhielten. Manche der großen haben auch sicher gedacht, ach lassen wir den mittleren mal machen...

Die Hundeschule, die empfand Tronco als Börse zum Kennenlernen hübscher Hündinnen. Gerne blond mit Golden Retriever-Phänotyp. Mit einer dieser Eroberungen verschwand er mitten in der Schulstunde im Gebüsch. Wut beim Besitzer der Hündin, der Hundetrainer mit den Worten: Beruhigen Sie sofort Ihren Hund! und Ulli eher amüsiert hilflos hinterher in die Brennnesseln - logisch ohne Erfolg.

Ach ja, und dann war da noch die Sache mit den Katzen, welche unser Draufgänger im wahrsten Sinne des Wortes bis aufs Blut (Ohr-Blut) gehasst hat. Bei einem Besuch des Zoos in Jaderberg, war Tronco ja sowas von empört, dass man da seiner Meinung nach Katzen einfach FREI rumlaufen lässt... Er bellte diese Tiere dermaßen heftig an, dass man denken konnte es geht hier um Leben und Tod. Es handelte sich um ausgewachsene LÖWEN in ihrem großzügigen Gehege - das war Tronco doch egal - Katze ist Katze...

Wir haben noch so viele Geschichten in unseren Köpfen von Tronco.

Was uns Tronco gezeigt hat: Auch wenn mancher Hundeexperte sagt(e), ein Streuner von der Straße wird nie glücklich sein - in einem Leben in unseren Hausgemeinschaften mit den entsprechenden Regeln und Grenzen.

Wir sind gemeinsam glücklich geworden und würden alles noch einmal genauso machen.

Das ist die Meinung von Tronco, Sunny, Ulli und Jörg (und allen Meerschweinchen, die mit uns lebten).